Krieg im Frieden – Ruhrbesetzung, passiver Widerstand und Propaganda

29.03.2023 | 19:00 Uhr | Stadtarchiv Dortmund | Gabriele Unverferth

Als am 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen wegen rückständiger Reparationslieferungen in das Ruhrgebiet einmarschierten, ging eine Welle der Empörung durch das ganze Land, die fast alle Schichten der Bevölkerung erfasste und sich in einer massiven antifranzösischen Propaganda niederschlug. Zu wohl keinem anderen Ereignis in der gesamten Weimarer Republik wurde eine solche Fülle von Plakaten, Flugblättern und politischen Karikaturen gedruckt wie im so genannten „Ruhrkampf“.

Der Vortrag beginnt mit einem Rückblick in die Geschichte des politischen Plakats, das sich im Ersten Weltkrieg zum wichtigsten Instrument der nationalen Propaganda und der psychologischen Kriegführung entwickelte und seine eigentliche Blütezeit in den politischen, sozialen und ideologischen Auseinandersetzungen nach der Novemberrevolution erlebte – in den zahlreichen Wahlschlachten, aber auch im Kampf gegen äußere Feinde, gegen den Versailler Vertrag und die Reparationen, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte der Weimarer Republik zog und im passiven Widerstand gegen die Ruhrbesetzung einen Höhepunkt erreichte.

Der „Ruhrkampf“ bot der Propaganda sowohl auf deutscher wie auf französischer Seite einen fruchtbaren Nährboden. Frankreich, meist eher defensiv argumentierend, verfolgte in erster Linie das Ziel, die deutsche Bevölkerung von der Rechtmäßigkeit der Reparationen und der Besetzung zu überzeugen, um Verständnis für seine Sicherheitsinteressen zu werben und den Anschein zu erwecken, dass es sich beim Einmarsch in das Ruhrgebiet lediglich um eine „Operation“ ohne militärischen oder politischen Charakter handelte, beim passiven Widerstand dagegen um eine vom deutschen Nationalismus und Militarismus erzwungene Aktion. Des Weiteren bemühten sich die Franzosen nach Kräften, die Arbeiterschaft auf ihre Seite zu ziehen, sie gegen die Arbeitgeber, die als „Arbeitermörder“ diffamierte SPD und die Reichsregierung aufzuhetzen, um den passiven Widerstand zu brechen.

Die deutsche Propaganda befand sich in diesem Krieg der Worte und der Bilder in einer sehr viel günstigeren Ausgangslage. Anders als 1914 sah sich Deutschland diesmal nicht in der Rolle des Aggressors, sondern in der des mitten im Frieden überfallenen Opfers, was der Agitation gegen die Besatzungsmächte reichlich Munition lieferte. Bei der Gestaltung von Plakaten und illustrierten Flugblättern knüpfte sie nicht selten an die Tradition der politischen Karikatur an, die während der Ruhrbesetzung in satirischen Wochenblättern mit ihren teils extremen und mitunter rassistisch gefärbten Zerrbildern zu kreativen, wenn auch nicht immer geschmackvollen Glanzleistungen auflief. Es ging der deutschen Propaganda nicht nur darum, gegen die als Krieg im Frieden empfundene Besetzung zu protestieren, das Volk über die Ziele der französischen Ruhrpolitik und die vom Reich erbrachten Reparationsleistungen aufzuklären, es zur Einigkeit und zum Durchhalten im passiven Widerstand aufzurufen. Gewaltakte gegen die wehrlose Zivilbevölkerung – im Ersten Weltkrieg ein unentbehrliches Sujet in der blutrünstigen „Hunnen- und Barbaren“-Propaganda der Entente – wurden ausgiebig thematisiert, um das Feindbild zu festigen und Ängste zu schüren. Da die Ergebnisse der „Operation“ deutlich hinter den französischen Erwartungen zurückblieben, bot sich zudem die Gelegenheit, massenhaft Hohn und Spott über die Besatzungssoldaten auszugießen.

Der Dämonisierung und Herabwürdigung der Franzosen entsprach die Heroisierung des zum nationalen Abwehrkampf hochstilisierten passiven Widerstands, in dem sich der Burgfriede des Ersten Weltkriegs zu erneuern schien. Die innenpolitischen Gegensätze und sozialen Spannungen, die die Weimarer Republik von Anfang an und bis zum bitteren Ende prägen sollten, konnte die Propaganda allerdings nur vorübergehend überdecken, und die Hoffnungen, die Weltöffentlichkeit von dem erlittenen Unrecht zu überzeugen und für eine Revision des Versailler Vertrags zu gewinnen, sollten sich auch nicht erfüllen.

Gabriele Unverferth, geb. 1949 in Dortmund, studierte Geschichte und Anglistik an der Ruhr-Universität Bochum. Sie war zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bergbau-Archiv in Bochum tätig, seit 1980 bei der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv in Dortmund. Seit 1981 ist sie Mitglied im Vorstand des Historischen Vereins für Dortmund und die Grafschaft Mark e. V.

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